Seit 15 Jahren bin ich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv. Zu meinen Schützlingen gehörte auch eine Familie mit zwei Kindern. Am Anfang war es nur die übliche Unterstützung im Alltag: Behördenschreiben erklären. Kontoauszüge sortieren. Dem Vater eine Arbeitsstelle besorgen.
Dann verließ vor drei Jahren plötzlich die Mutter die Familie. Von einem Tag auf den anderen stand der Vater mit seinen beiden Kindern allein da. Und aus Hilfe wurde Alltag. Aus Alltag wurde Verantwortung.
Ich passte auf die Kinder auf, wenn der Vater am Wochenende arbeiten musste. Ich schrieb den Lehrern. Ich telefonierte mit dem Jugendamt und dem Scheidungsanwalt. Ich erklärte Elternbriefe, Vokabeln und Matheaufgaben. Ich saß in Kinderzimmern, Schulfluren und Gerichtssälen. Ich wartete vor Türen, hinter denen über ein Leben entschieden wurde, das nicht meines war.
Dann merkt man plötzlich, dass man Teil eines Systems geworden ist. Kein offizieller Teil. Kein Teil mit Zuständigkeit, Aktenzeichen oder Vertretungsvollmacht. Aber ein Teil, der angerufen wird, wenn etwas nicht verstanden wird. Ein Teil, der einspringt, wenn niemand sonst da ist. Ein Teil, der herausfinden muss, wie man Unterhaltsvorschuss beantragt und der weiß, welches Kind welche Klassenarbeit schreibt.
Und nun will der Vater mit den Kindern in eine andere Stadt ziehen. Eigentlich sollte ich froh sein, denn endlich hätte ich wieder mehr Zeit für mich selbst. Doch es geht mir gar nicht gut: Mich hat ein unheimliches Gefühl der Trauer übermannt, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe.
Warum trifft mich dieser Abschied so hart?
Diese Frage habe ich mir in den vergangenen Tagen immer wieder gestellt. Schließlich endet die Geschichte nicht tragisch. Im Gegenteil: Der Vater hat eine neue Arbeit gefunden, er kann für seine Kinder sorgen und einen Neuanfang wagen. Das ist doch genau das Ziel, auf das wir über Jahre hingearbeitet haben! Und trotzdem sitze ich zu Hause und weine.
Denn plötzlich fehlt mir ein wichtiger Teil meines Lebens. In den vergangenen drei Jahren war diese Familie ein fester Bestandteil meines Alltags. Viele gemeinsame Erlebnisse – schöne, aber auch schreckliche. Jetzt wird all das von heute auf morgen verschwinden. Ich merke, wie ich in ein tiefes Loch falle. Und zwar sehr tief.
Immer wieder spielen sich dieselben Bilder vor meinem inneren Auge ab: Ich sehe den Vater an seinem letzten Arbeitstag im Pflegeheim. Ich stelle mir vor, wie er sich von den Kollegen verabschiedet, mit denen er viele Jahre zusammengearbeitet hat. Ich denke an die Bewohner, die ihm ans Herz gewachsen sind und die nun ein vertrautes Gesicht verlieren werden.
Dann sehe ich seinen kleinen Sohn. Letzter Schultag. Die Verabschiedung von den Klassenkameraden. Vielleicht ein letztes gemeinsames Foto. Umarmungen. Kinder, die sich versprechen, in Kontakt zu bleiben. Doch als Erwachsener weiß ich, dass sie vermutlich nur eine Erinnerung an die gemeinsame Grundschulzeit bleiben werden. Allein diese Vorstellung reicht aus, damit mir die Tränen kommen.
Wenn man den Schmerz anderer mitfühlt
Irgendwann wurde mir klar, dass meine Trauer nicht nur mit dem Abschied von zwei Menschen zusammenhängt. Ich trauere um das Ende eines ganzen Lebensabschnitts.
Über Jahre hinweg war diese Familie ein fester Bestandteil meines Alltags. Viele Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen. Es gab Krisen, Sorgen, kleine Erfolge und große Rückschläge. Aus einer ehrenamtlichen Aufgabe war eine enge menschliche Verbindung entstanden. Mit dem Umzug endet diese gemeinsame Geschichte.
Hinzu kommt etwas, das mir vorher gar nicht bewusst war. Ich trauere nicht nur um meinen eigenen Verlust. Ich leide auch mit den anderen.
Ich spüre den Abschied des Vaters von seinen Kollegen. Ich denke an die Bewohner des Altenheims. Ich denke an den Sohn, der seine Freunde zurücklässt.
Menschen mit einer ausgeprägten Empathie erleben solche Situationen häufig sehr intensiv. Sie beobachten Abschiede nicht nur. Sie fühlen sie auch innerlich mit. Das Gehirn reagiert auf lebhafte Vorstellungen oft so, als würde man den Moment selbst erleben.
Vielleicht erklärt das auch, warum mich der Umzug so viel stärker trifft als die Vorstellung, wir würden uns einfach seltener sehen. Der Umzug markiert einen klaren Übergang. Er trennt das Leben in ein Davor und ein Danach – und das für uns alle.
Ich habe dem Vater nie geholfen, damit er für immer in meiner Nähe bleibt. Ich wollte, dass er ein gutes und glückliches Leben führen kann. Und ich wollte ihm einen Teil meines Glück abgeben. Damit er Arbeit findet. Damit er für seine Kinder sorgen kann. Damit er eigene Entscheidungen trifft. All das passiert jetzt.
Ich versuche, mir einzureden, dass dieser Umzug vielleicht gar nicht das Ende unserer Geschichte ist. Vielleicht ist er ihr erfolgreicher Abschluss. Die Trauer ist dadurch allerdings nicht verschwunden. Aber sie fühlt sich immerhin weniger wie ein Verlust und mehr wie der Abschluss eines langen Kapitels an.
Vielleicht gehören Tränen einfach dazu, wenn etwas wirklich bedeutend war.

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