Gerade noch rechtzeitig sah ich im WhatsApp-Status einer Freundin Fotos von Niki. Kusama. Murakami: Love you for Infinity im Sprengel-Museum in Hannover. Die Ausstellung zeigt rund 120 Exponate von Niki de Saint Phalle, Yayoi Kusama und Takashi Murakami – allerdings nur noch bis zum 14. Februar 2026. Wenn du die Schau ebenfalls noch besichtigen möchtest, musst du also schnell sein!
Daher stiegen wir am Freitagmittag nach der Arbeit ins Auto und fuhren vor dem großen Feierabendverkehr für einen kurzen Kunstgenuss spontan in die niedersächsische Landeshauptstadt.
Niki. Kusama. Murakami: Love you for Infinity Ausstellung
Schon beim Betreten des Sprengel-Museums direkt neben dem vereisten Maschsee wird klar: Wir hatten offenbar nicht als einzige die Idee, kurz vor Ende der Ausstellung noch einen Blick auf diese außergewöhnliche Ansammlung von Kunstwerken werfen zu wollen.
Und „Niki. Kusama. Murakami: Love you for Infinity“ ist wirklich keine stille Reihe von Bildern an weißen Museumswänden: Die Ausstellung arbeitet mit Kontrasten, visueller Überforderung und dem Gefühl, dass die Kunst hier nicht nur betrachtet, sondern erlebt werden will. Ich mag Ausstellungen, in denen man nicht geschniegelt und gestriegelt durchschreitet, sondern in denen man stehen bleibt, lacht, sich irritiert und nochmal zurückläuft. Passenderweise hatte ich meinen knallbunten Adidas-Jogginganzug, den ich sonst nur zu Hause auf der Couch trage, selbstbewusst angelassen und war somit fast genauso farbenfreudig wie die ausgestellten Kunstwerke.
Niki de Saint Phalle: Lebensfreude mit politischer Sprengkraft

Hannover und Niki de Saint Phalle gehören einfach zusammen. Im Jahr 2000 hat die Künstlerin dem Sprengel Museum mehr als 400 Werke geschenkt. Das Museum beherbergt damit die weltweit größte Sammlung ihrer Werke, und diese Dichte ist spürbar: Zu sehen sind nicht nur die „Nanas“, sondern man erhält einen umfassenden Einblick in ihr Schaffen, von frühen Arbeiten bis zu großen Skulpturen.
Natürlich sind es die „Nanas“, die ich persönlich gar nicht so interessant finde, die den größten Anziehungspunkt für das Publikum darstellen. Diese Figuren sind üppig, bunt, laut und stolz, für meinen Geschmack allerdings zu feminin. Gleichzeitig schwingt eine zweite Ebene mit: Gesellschaft, Politik, Selbstbehauptung.










Und dann sind da natürlich die berühmten Nanas am Leineufer in Hannover: 1974 aufgestellt, damals von Protest und Zustimmung begleitet, sind sie heute ein Symbol für genau diese Art von Kunst im öffentlichen Raum. Im Museum wirkt das wie ein Echo: Drinnen versteht man noch einmal neu, warum diese Figuren bis heute so präsent sind.
Yayoi Kusama: Punkte, Wiederholung und dieses Gefühl von Unendlichkeit

Meinem Geschmack entsprechen schon eher die Werke von Yayoi Kusama. Die japanische Künstlerin verhandelt Unendlichkeit, Selbstauflösung und die Idee, dass das Ich im Großen verschwimmt. Ihre Welt ist geprägt von Wiederholung, Rhythmus und Polka-Dots, die sich wie ein Leitmotiv durch alles ziehen.

Wenn man ihre Arbeiten länger betrachtet, merkt man, wie schnell der Kopf kippt. Zunächst denkt man: „Schönes Muster“, doch dann wird daraus etwas, das einen innerlich unruhig macht, weil es kein Ende hat.

Besonders gut gefallen mir ihre Arbeiten für Louis Vuitton: Wie ihre Punkte und Symbole auf Taschen und Schuhen plötzlich zum Alltag werden und trotzdem ihre unverwechselbare Handschrift behalten. Das zeigt, wie stark ihr Stil ist. Man erkennt ihn sofort, egal ob im Museum oder im Schaufenster.
Takashi Murakami: Superflat, Blumen und Pop mit doppeltem Boden

Mein persönliches Highlight der Ausstellung sind die Werke von Takashi Murakami. Der Künstler ist bekannt für seinen „Superflat“-Kunststil, der Popkultur, japanisches Anime und traditionelle Kunstformen kombiniert. Er spielt mit Kunst und Massenkultur, mit Kommerz und Identität sowie mit der Vergänglichkeit hinter der bonbonfarbenen Oberfläche.
Das erinnert mich natürlich nicht zufällig an japanische Videospiele: Diese perfekt polierte Oberfläche wirkt erst einmal freundlich, doch darunter stecken plötzlich Melancholie, Druck oder eine ziemlich ernste Frage. Genau wie bei Nintendo, wo die knallbunten Welten von Super Mario, Legend of Zelda oder Kirby auf den ersten Blick nach reiner Gute-Laune-Ästhetik aussehen, aber in Design, Timing und Ikonografie extrem präzise aufgebaut ist. Murakamis Blumen funktionieren ähnlich wie ein starkes Game-Icon: Sie sind sofort lesbar und wiedererkennbar und trotzdem offen für Bedeutungsschichten, je länger man hinschaut.

Murakamis Konzept der „Superflat“-Kunst passt perfekt in diese Ausstellung, weil es die Grenzen absichtlich verwischt: Hochkultur trifft Konsumwelt, japanische Traditionen treffen Gegenwart, Museum trifft Merchandising. Das fühlt sich fast wie die Logik japanischer Games an, die Pop und uralte Traditionen selbstverständlich nebeneinanderstellen.













Warum ist die Ausstellung für Schwule interessant?
Die Ausstellung ist besonders spannend für Schwule, weil sie mit genau den Themen spielt, die viele von uns aus dem eigenen Alltag kennen.
Mich treffen bei Niki de Saint Phalle vor allem die kompromisslosen „Da bin ich“-Figuren: Körper dürfen üppig, laut, fröhlich und unbequem sein, ganz ohne Rechtfertigung. Das kann befreiend wirken, wenn man sein Leben lang gelernt hat, sich anzupassen, den eigenen Körper zu kontrollieren oder im Zweifel lieber nicht aufzufallen.
Murakami arbeitet offen mit Sexualität, Fetischismus, Kitsch und Tabubrüchen. Grelle Oberflächen, Humor, Übertreibung, Markenwelten, Merchandise und Mode werfen Fragen zu Identität, Vergänglichkeit und Kommerz auf. Es gibt Spaß an Ästhetik, an Codes und an Ironie, die jedoch nicht nur Dekoration sind, sondern auch Ausdruck und manchmal sogar Schutzschild. Murakamis grelle Ästhetik und die Nähe zu Merchandise, Mode und Marken funktionieren wie Camp: Übertreibung, Stil und Spaß mit Subtext. Viele schwule Pop-Referenzen leben von dieser Doppelbödigkeit.
Und dann ist da Kusama, die mit Wiederholung, Punkten und Unendlichkeit ein Gefühl erzeugt, das ich sofort als Sehnsucht lese: Raus aus dem Kopf, rein in etwas Größeres, kurz verschwinden, sich auflösen, ohne sich zu verlieren.
Aus diesen drei sehr unterschiedlichen künstlerischen Handschriften entsteht am Ende ein Mix aus Lebensfreude, Provokation, Schönheit und Reibung, der sich erstaunlich vertraut anfühlt, wenn man ein Leben lang gelernt hat, sich über Bilder, Rollen und Blickwinkel immer wieder neu zu definieren.
