Von einem Gay-Reiseblog erwartet man Tipps zu queeren Bars, Gay-Saunen, Partys und Cruising-Spots für schwule Männer. Für Kabul kann ich dir das leider nicht liefern. In Afghanistan gibt es keine öffentliche Gay-Szene. Ein Artikel, der so tut, als gäbe es sie, würde Leser in Lebensgefahr bringen. Deshalb folgt nun eine ehrliche Einordnung.
Gay-Szene Kabul: Was früher war
Auch vor 2021 war Afghanistan kein queerfreundliches Land. Selbst nach dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 blieb Sex zwischen Männern strafbar und konnte mit Haft geahndet werden. Trotzdem gab es Nischen. Die Aktivistin Artemis Akbary, die in die Türkei floh, berichtet, dass es in Kabul einige sichere Orte gab und die Menschen dort ein wenig Freiheit hatten. Es handelte sich um private, versteckte Räume und nicht um eine Szene mit Gay Bars und LGBT-Partys im westlichen Sinn.
Die Lage für schwule Männer in Afghanistan heute
Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 ist auch das verschwunden. Ein gemeinsamer Bericht von Human Rights Watch und OutRight Action International beschreibt die Lage queerer Afghanen seit dem 15. August 2021 als zunehmend verzweifelt und lebensgefährlich.
- Rückzug ins Unsichtbare: In Kabul verlassen viele schwule Männer und Frauen kaum noch das Haus und löschen jede Spur ihres früheren Lebens – sowohl in den sozialen Medien als auch auf der Straße.
- Gewalt durch Behörden: Ein schwuler Afghane berichtete, dass er von den Taliban in ein Gästehaus gebracht und dort geschlagen sowie vergewaltigt worden sei.
- Gefahr aus der eigenen Familie: Wenn die Taliban Familien dazu auffordern, ihre queeren Angehörigen auszuliefern, töten manche Familien ihre Söhne oder Töchter aus Angst selbst. Es wird auch von Erpressung berichtet: Verwandte drohen damit, queere Familienmitglieder bei den Taliban zu outen.
- Drakonische Strafen: Bereits während der ersten Herrschaft der Taliban wurden schwule Männer gesteinigt oder unter umgestürzten Mauern begraben. Die heutige Führung hat unmissverständlich klargemacht, dass sie ihre strenge Auslegung der Scharia durchsetzen wird.
Auch die Fluchtmöglichkeiten für homosexuelle Afghanen sind schlecht. Die meisten Nachbarländer kriminalisieren Homosexualität ebenfalls.
Reisen als queere Person nach Kabul?
Kurz und knapp: Nein. Die Bundesregierung rät seit Jahren von Reisen nach Afghanistan ab. Für queere Menschen kommen noch zusätzliche Risiken hinzu.
- Handys, Social-Media-Profile und Dating-Apps bergen Gefahren. Bereits alte Chats oder Fotos können als Beweis dienen.
- Eine ausländische Staatsbürgerschaft bietet keinen zuverlässigen Schutz. Konsularische Hilfe ist kaum verfügbar, da die meisten westlichen Staaten über keine funktionierende Vertretung vor Ort verfügen.
- Wenn du auffällst, wären auch deine Begleiter, Fahrer und Gastgeber vor Ort gefährdet.
Ein „Gay Guide” für Kabul ist deshalb nicht möglich. Wer einen solchen Guide schreibt, gefährdet vor allem die Menschen, die dort leben.
Was du stattdessen tun kannst
Wenn du dich für das Schicksal schwuler Afghanen interessierst:
- Organisationen unterstützen: Beispiele sind Rainbow Afghanistan, Roshaniya (hilft bei der Umsiedlung queerer Afghanen), Rainbow Railroad, OutRight Action International oder Human Rights Watch.
- Informiert bleiben und berichten: Solange keine Einzelpersonen outet, hilft Sichtbarkeit.
- Sichere Reiseziele wählen: Wenn du die Region kennenlernen möchtest, gibt es Alternativen mit deutlich geringerem Risiko. Aber auch dort ist die Rechtslage für LSBTI-Personen oft schwierig. Die Länderinformationen von ILGA World oder dem Human Dignity Trust sind eine gute Grundlage.
Meine Empfehlung
Kabul war nie ein Ziel für den Gay-Tourismus und ist heute einer der gefährlichsten Orte der Welt für queere Menschen. Der ehrlichste Beitrag, den ein Reiseblog leisten kann, ist, nicht hinzufahren, hinzuschauen und zu helfen.
Ich habe einen schwulen Freund, dessen Familie ursprünglich aus Afghanistan stammt, aber seit vielen Jahrzehnten in Deutschland lebt. Er ist kürzlich in das Land gereist, um Verwandte zu besuchen. Vor dem Abflug hat er alle Fotos, Chats und Dating-Apps, die auf seine Homosexualität hindeuten könnten, von seinem Handy gelöscht.
Falls du trotz deiner Homosexualität nach Afghanistan reisen möchtest (oder musst), empfehle ich dir, dein normales Smartphone zu Hause zu lassen und stattdessen ein günstiges Wegwerfhandy mitzunehmen.

Hallo, ich bin Mario. Mit meinem Reiseblog helfen ich schwulen Männern bereits seit 2007, das passende Reiseziel für ihren nächsten Gay-Urlaub zu finden. Ich stelle gay-friendly Hotels, die beliebtesten Gay Bars, Clubs und Saunen vor. Außerdem findest du hier aktuelle CSD-Termine, News aus der Szene sowie wichtige Hinweise und Tipps für Reisen in weniger LGBT-freundliche Länder. Ich möchte dir helfen, deine eigenen sicheren Reiseerlebnisse zu planen.