Arbeiterkind: Abitur, Studium, Universität

Arbeiterkind: Gymnasium, Abitur, Universität, Studium

Dass ich anders bin, begriff ich zum ersten Mal in der 13. Klasse, kurz vor dem Abitur. In der Pausenhalle hörte ich zufällig, wie eine Mitschülerin zu ihrer Clique sagte:

Ich will Tiermedizin studieren. Da brauche ich mindestens einen NC von 1,7!

Ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Ahnung, was ein „NC“ ist und fragte vorsichtig bei meinen Freunden nach. So genau konnte es auch niemand erklären. Aber immerhin hatte einer schon gehört, dass man einige Fächer an der Universität nur mit einer bestimmten Abi-Note studieren konnte – dem Numerus Clausus. Aber welche Fächer das waren und wie hoch dieser ominöse NC sein musste? Schulterzucken in der Runde.

Als Arbeiterkind Abitur am Gymnasium machen

Natürlich gab es in den 1990er Jahren an unserem Gymnasium die elitäre Gruppe der Wachsjacken-Träger. Diese meist grünen, manchmal auch blauen oder violetten Jacken der Firma Barbour trugen die Söhne und Töchter aus besseren Familien und jene, die dazu gehören wollten. Natürlich war mir nicht entgangen, dass diese eloquenter reden konnten und den Lehrern – und sogar dem Schulleiter – gegenüber selbstbewusster auftraten. Mir wäre es dagegen niemals in den Sinn gekommen, den Schulleiter auch nur anzusprechen. Diese Schülerinnen und Schüler klopften einfach an seine Tür, wenn sie ein Frage hatten – aber was sollte ich den Schulleiter schon fragen?? Wir wäre bei bestem Willen nichts in den Sinn gekommen!

Mir war auch bewusst, dass diese Leute überdurchschnittlich gute Noten hatten, mit ihren Eltern in größeren Häusern lebten, im Winter in den Skiurlaub fuhren und vor dem Abitur noch ein Jahr im Ausland verbrachten. Aber so war das halt bei diesen Leuten. Dass der Unterschied zwischen diesen Schülern und mir jedoch nicht in einer höheren Intelligenz oder den finanziellen Verhältnissen der Eltern lag, wurde mir erst viel später klar. Der Unterschied war ein ganz anderer: Es waren Kinder aus Akademiker-Familien – während meine Eltern einfache Arbeiter waren – und ich in der Familie weit und breit der Einzige war, der jemals ein Gymnasium von Innen gesehen hatte.

Schulzeit als Kind aus einer Arbeiterfamilie

Erst als Erwachsener begriff ich, dass diese Herkunft mich bereits meine gesamte Schulzeit begleitet hatte: Im Kindergarten hatte ich mir das Lesen auf mysteriöse Weise irgendwie selbst beigebracht. In der Grundschule bestand mein Zeugnis größtenteils aus Einsen (außer in Mathematik, das konnte ich schon damals nicht) – trotzdem habe ich es meiner damaligen Klassenlehrerin zu verdanken, dass ich auf’s Gymnsasium gekommen bin. Meine Eltern hätten mich auf die Hauptschule, oder zumindest auf die Realschuhe geschickt. Es wäre ihnen jedoch niemals in den Sinn gekommen, ihr Kind auf dem Gymnasium anzumelden – das war einfach nicht ihre Welt.

Der Rest meiner Schulzeit verlief dann relativ unspektakulär – bis es nach dem Abitur hieß: Ausbildung oder Studium? Wäre es nach dem Willen meiner Eltern gegangen, hätte ich eine Ausbildung gemacht. Da kam der Zivildient genau zur richtigen Zeit: So hatte ich noch einmal 13 Monate Zeit, über meine berufliche Zukunft nachzudenken. Als Zivi im Rettungsdienst entdeckte ich mein Interesse für die Medizin. Mein absoluter Traumberuf wäre es gewesen, als Arzt einem Notfallpatienten lässig den Tubus in die Luftröhre zu schieben und seine Angehörigen in der Notaufnahme kompetent über die Überlebenschancen aufzuklären. Doch ich als Arzt? Für das Medizinstudium wäre ich doch ohnehin nicht schlau genug. Wenn ich die Namen meiner damaligen Zivi-Kollegen, welche sich für ein Medizinstudium entschieden haben, bei Google eingebe, dann sehe ich, dass diese heute Chirurgen und Chefärzte sind – obwohl sie teilweise ein deutlich schlechteres Abi hatten als ich!

Ich dagegen entschied mich für ein Lehramtsstudium mit den Fächern Englisch und Deutsch. Da wusste ich immerhin, was mich später im Beruf erwartet – doch nach der Hälfte des Studiums brach ich es aus Langeweile ab… Zwar wechselte ich anschließend zu einem MINT-Fach, schloss das Studium ab und arbeite seit fast 10 Jahren erfolgreich selbständig – doch auch an der Universität wurde ich meine Arbeiterkind-Existenz nicht los.

Als Arbeiterkind an der Universität studieren

Das gesamte Studium über fühlte ich mich an der Universität fehl am Platz. Ich habe während des gesamten Studiums nicht eine Prüfung verhauen und jede Klausur im ersten Versuch bestanden. Trotzdem war ich bis zum Abschluss der festen Überzeugung, zu dumm für das Studium zu sein. Ich wusste nicht, was promovieren bedeutet (geschweige denn, welche Voraussetzungen man für eine Promotion erfüllen muss oder warum man sowas überhaupt machen sollte) und was ich nach dem Studium mit meinem Abschluss anstellen sollte.

Während meine Kommilitonen in den Semesterferien Praktika in Singapur absolvierten, mit dem Rucksack durch Australien trampten und unterdessen ihre WG-Zimmer untervermieten, arbeitete ich in meiner Heimatstadt, um meine dortige kleine Wohnung zu finanzieren. Ja, ich war gar nicht erst in die Universitätsstadt gezogen, sondern pendelte täglich morgens und abends zwei Stunden zur Uni. Mein Pflichtpraktikum absolvierte ich nicht in Asien, sondern in der örtlichen Volksbank. Bodenständig, wie Arbeiterkinder nun mal erzogen wurden, wäre es mir niemals in den Sinn gekommen, meinen sicheren Studentenjob und meine kleine Wohnung auch nur zeitweise aufzugeben.

Als Arbeiterkind im Berufsleben

Auch 13 Jahre nach meinem Uni-Abschluss und 10-jähriger Selbständigkeit kann ich meine Arbeiterkind-Mentalität nicht abschütteln: Obwohl ich gutes Geld verdiene, mein Haus fast abgezahlt ist und ich ein teures Auto fahre, bin ich der festen Überzeugung, dass mein beruflicher Erfolg nicht auf Können und Erfahrung basiert – sondern reines Glück ist. Täglich warte ich darauf, dass meine Inkompetenz enttarnt wird und meine Firma wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Neidische Blicke auf die vielen Menschen um mich herum, die beruflich weniger erfolgreich, aber dafür mit einem riesigen Ego ausgestattet sind und sich für unverletzlich halten.

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